zeitrauschen 
Ein Film beginnt. Aus dem Schwarz taucht etwas . Lautlos. Eine wogende Masse aus Licht und Dunkelheit. Das Meer in der Nacht. Über dem leicht gekrümmten Horizont liegt undurchdringliches Schwarz. Mondlicht fällt auf bewegte Wellen, daneben tiefe Schatten-felder. Das Meer strömt in seiner gleichmäβigen, rhythmischen Bewegung.
Wo beginnt die Oberfläche, wo endet die Dunkelheit des Meeres? Zwischen dem Wasser, dem silbernen Licht und der Dunkelheit öffnet sich etwas − ein Volumen unendlicher Tiefe und Gegenwart− ein unbekannter Zwischenraum. Ein beschwörendes Flüstern beginnt plötzlich ... jedes mal, wenn die Dunkelheit so schleichend schwarz über die kleine Wohnung... und zischelt dem Betrachter eine kurze Geschichte zu. Die Stimme verebbt. Das Meer bewegt sich weiter und weiter.

Sandra Topan verschiebt die unheimliche Stille des Meeres mit der Tonspur ihrer rätselhaften Geschichte, so als ob das gesprochene Wort in die Tiefe des Wassers und in die Dunkelheit sinkt oder aus ihm entsprang. Das bewegte Meer ist alt und die flüsternde Stimme gegenwärtig. Zwei Zeitwelten berühren sich und bleiben in der Dauer ihres zeitgleichen in geheimnisvoller Spannung miteinander verhaftet. 
 (geflüstert, 2007, Video, Sound, 1:30 min., Culture Festival in Sprangenberg) 

Die Zeit öffnet sich in den Video−Bildern und Tonvolumen Sandra Topans, sie dehnt sich aus, verlangsamt sich und legt dabei eine innere Schicht frei: Eine Zeitwölbung oder ein Zeit−Membran. Die Töne durchdringen alle Schichten dieser Raum− und Zeitebenen. Sie verlaufen synchron zum Bild, erweitern es und dringen beim Einblenden und Ausblenden der Bilder in die Dunkelheit des Raumes hinein. Sie führen weiter, in unbekannte Felder von Bild und Raum.

Ein anderer Ort − in einem anderen verdunkelten Raum:
Ein metallisches, durchdringendes Rauschen. Aus der Dunkelheit erscheinen vertikale gelbe Streifen, unterteilt durch schwarze Zwischenräume, an einer Wand. Dieses dichte Lamellengebilde wird breiter und schmaler. Langsam, in einer zähen Bewegung entweichen Lamellen aus dem Format, um dann wieder ins Bild zurück zu gleiten. Die Bewegung gleicht einem Atmen. Das Rauschen füllt den Raum. Klopfende, dumpfe Klänge und ein anhebender Luftsog − wie Wind, der über eine glatte Oberfläche stöβt und Resonanz erzeugt. Dann ausströmende Luft, gläsern verhallend. Ein menschliches Ein− und Ausatmen? Es kann sein, dass dieses unbestimmbare Rauschen aus den Lichtlamellen in den Raum strömt. Die wiederkehrende Dunkelheit nimmt dieses Bild mit sich. Das Rauschen hält an.

Eine Wendung beginnt. Angekündigt durch den Wechsel von Lichtern einer projizierten Lampenapparatur in der Mitte des Raumes. Das Rauschen geht über in einen hohen, vibrierenden Ton. Gleichzeitig erscheint auf der Gegenwand ein Bild. Weiβes Licht öffnet sich aus dem Schwarz. Eine helle glasige Schicht. Am unteren Ende ein grauer horizontaler Block, der die helle Fläche begrenzt. Mit der Vibration des Tones hebt sich der Block, er führt ein Stück nach oben. Ein gleiβender Lichtstreifen bricht in den Raum. Ein Blick in eine weiβe Leere − ins Nichts. Verzerrte Laute, Zirpen, das Sirren eines Insektes versetzt in die Tonvibration. Die Welt hinter oder in dem grellen Licht ist animalisch − kreatürlich. Ein hoher, langer Ton schwillt an und der Block fährt wieder hinunter.  (Grandmothers Breathing, Maul and Light, 2007, drei Videos, Sound, Kunsthall Bergen, Norwegen / Video als Dokumentation, 4:11 min.) 

Der Betrachter hält inne, um das Rätselhafte dieser Bilder zu verfolgen und zu erkennen und ist still, um die fremdartigen Töne zu hören und einzuordnen. Er gelangt in den Zustand einer unvoreingenommenen Wahrnehmung, den man auf ähnliche Weise verspürt, wenn man die Anonymität der Natur erkennt.

Sandra Topans kühle Poesie führt den Betrachter in einen Zeitraum, der zwischen subjektiv gefühlter Zeit und der Tatsächlichkeit der Zeit liegt. Die Tatsächlichkeit der Zeit ist ihre Unendlichkeit oder Nichtexistenz. In dem Augenblick des Entweichens des subjektiven Zeitgefühls wird einem bewusst, dass die Erwartung einer wieder erkennbaren Gegenständlichkeit verfehlt ist. Die Bilder und Töne erklären sich nicht, sie bleiben in ihrer geheimnisvollen Massivität stehen. Mit diesen verrätselten Bildern gelingt Sandra Topan etwas Wesentliches: Den Menschen durch Spiegelung einer Zeit-Losigkeit zu berühren − ein Innehalten vor einem Moment einer nicht begrenzten Gegenwart entsteht.

In zwei anderen hintereinander liegenden Räumen:
Hellblaues türkises Wasser, Wellenlinien, Lichtflimmern. Eine Schattenbewegung unter Wasser. 2,00 x 2,20 Meter groβ auf die Wand projiziert. Im Nebenraum hellrotes Licht, das aus dem Raum strömt. Die Atmosphäre in den Räumen scheint diametral zu sein: eine destillierte Kühle pulsierenden Wassers − umschlieβende Wärme roten Lichtes. Die Klang−Räume mischen sich: ein rauschendes Geräusch von saugendem, abflieβendem Wasser im ersten Raum wird durch eine dumpfe Geräuschkulisse im zweiten Raum überlagert. Im rotgetönten Licht ist eine kleinformatige Szene an die Wand projiziert: Eine Frau am Beckenrand eines Pools, nur schemenhaft zu erkennen. Das Bild ist unscharf und Intimität mischt sich in Befremdung. Die verschachtelten Tonschichten splitten die gesamte Atmosphäre auf. Ein rotierendes Kaleidoskop: Das Tonrauschen dringt aus den Wänden, es strömt von drauβen durch die Fensterscheibe in die Räume. Verzerrte, dröhnende Geräusche von Menschen auf der Straβe, vom Autoverkehr und einer Straβenbahn überlagern sich. Das flimmernde Wasser, die schemenhafte Gestalt im Wasserbecken, die Straβe − wo beginnt ein inneres Sehen und wo ein Beobachten? Wo liegen Innen und Auβen, Erinnerung und Gegenwart? Die zeitlich definierten Standorte, die Blickfolgen des Betrachters, die Begrenzungen der Orte schwinden: Räume, Bilder und Töne verschieben sich und lösen sich gleichzeitig wieder auf. Die Zeit wölbt sich. 
 (Pool, 2006, zwei Videos, Sound, 2:03 min., Galerie Stedefreund, Berlin / Video als Dokumentation, 2:30 min.) 

Sandra Topan nutzt den Raum als Resonanzfläche für Ton und Bild. Ihre Licht− und Klanginstallationen besitzen eine transparente, skulpturale Ausdehnung, in die der Betrachter unweigerlich eintaucht, sobald er die verdunkelten oder mit Licht durchfluteten Räume betritt.

Der Betrachter durchwandert schrittweise den Raum, erkundet Tonquelle und Bildprojektion und wird Teil einer Choreographie der Installationen. Seine Anwesenheit wird durch seinen Schatten oder eine Unterbrechung der Projektion sichtbar, wenn er sich beispielsweise nah zu einem Lautsprecher beugen muss, um in der Videoinstallation geflüstert den Wortlaut ganz zu verstehen − oder − in dem mit rotem Licht beleuchteten Raum Eclipse, führt die Anordnung der rotierenden Projektionen und die im Raum kreisenden Geräusche den Betrachter zu einer kreisförmigen Bewegung im Raum. (Eclipse − Ein wunderbares Bild, 2006, Video, Sound, 5:00 min., Gallery Lydgalleriet, Bergen, Norwegen)

Auch in Von Rot zu Schwarz Zu befindet sich der Betrachter in einem Raum, in dem mehrere im Fuβboden versenkte Lautsprecher einen tiefen Ton verteilen. Parallel zu den Tönen erscheinen in den vier Ecken des Raumes rote, projizierte Quaderfelder, die sich rhythmisch auf- und absenken. Das rote Licht reflektiert in dem mit dunkelroter Folie ausgelegten Fuβboden. Der Betrachter steht inmitten der Klang− und Lichtinstallation, die die architektonischen Grundbedingungen des Raumes gestalterisch adaptiert. (Von Rot zu Schwarz Zu, 2008, Video, Sound, 2:04 min., Künstlerhaus Bethanien, Berlin)

Mit Ton− und Bildstücken, wie Hörspielen, akustischen Fragmenten und tonlosen Bildern erweitert Sandra Topan ihre rämlichen Bild− und Klangskulpturen. (Soundserien seit 2005: Ein Gruβ aus..., Dauer variabel; Fünf−Klang-Geräusch−Kompositionen, Dauer variabel. Hörspiel, 2006, Video mit Textfragmenten und Sound, 1:13 min.)

Ein, auf eine Glastür projiziertes Bildstück:
Einzelne Regentropfen rieseln auf eine Fensterscheibe. Ohne Ton. Die Aussicht: Häuser an einem Hügel gelegen, auf den Dächern liegt etwas Schnee. Das bläuliche Licht der landschaftlichen Szene ist kühl−winterlich. Die Regentropfen werden dichter, stärker, bis ein massives Wassernetz die Häuser verschwinden lässt. Die unzähligen Regentropfen lösen das Bild auf. Die Landschaft mit den Häusern wandelt sich in ein idyllisches Trugbild. 
 (Rain, 2006, Video, ohne Sound, 20:00 min. / Ausschnitt aus dem Video) 

Regen wird hörbar, indem er auf eine Oberfläche trifft und zerplatzt. Ein spezifischer, in einer Sekunde liegender Zeitpunkt, in dem Ton entsteht. Sandra Topan hat Regentropfengeräusche aufgenommen und sie als Geräusch−Sammlung archiviert. Ein Memento Mori eines Augenblickes. Durch die Separation dieser unbeachteten kurzen Ereignisse des Alltags öffnet Sandra Topan die Sicht in einen Mikrokosmos der Dinge. (aus dem Sound− Sammlung Archiv: Über 50 verschiedene Geräusche von Regentropfen)

Allein mit den Mitteln Wiederholung und Verlangsamung macht Sandra Topan entgegen einer Vergänglichkeit von Bild und Ton eine innen liegende Schwerkraft der Dinge spürbar. Durch ihre künstlerische Definition von Zeit und Dauer erhalten die physikalischen Parameter Raum, Licht, Ton eine materielle Massivität, die in der mit Spannung aufgeladenen Atmosphäre der Dunkelheit intensiviert wird. In Sandra Topans präsiz ausgeloteten, visuellen und akustischen Räumen entsteht ein Gegenvolumen, ein Gegenklang − ein Rauschen von Zeit.



Zeitrauschen, Katalogtext geschrieben von Birgit Szepanski zu Sandra Topan, Publikation des Goldrausch Art IT-Projektes, Berlin (2008)  www.birgitszepanski.de