30zig minuten in zwei räumen 
Eine Beobachtung:

Vor sechs Monaten habe ich in diesem Raum auf dem Boden gesessen, umhergeblickt, aus dem Fenster gesehen und auf die Klänge jener Geräusche gehört, die aus einem alten Lautsprecher kamen. Und irgendwann bin ich hinüber–gegangen in einen anderen, beinahe gleichen Raum, wo ebenfalls ein alter Lautsprecher stand. Die Klänge der Straβe waren auch hier zu hören. Zehn Wochen später waren die Räume aufgelšst, die wenigen Gegenstände, die ihnen Gesicht und Klang gaben, außer Haus gebracht. Nur noch die leere Hülle der Architektur wie vorher, wie nachher. Man konnte nach den Nagellöchern suchen, wo die Projektoren hingen, oder nach dem Schimmer der roten Decke, die jetzt wieder weiß gestrichen ist. Aber wozu eine solche Archäologie vor Ort, wo der Aufenthalt in den Räumen sich doch ganz woanders eingeprägt hat? Ein paar Fotos und etwas Text (ein Stück Fiktion) spielen auf den Seiten des Katalogs mit den Erinnerungen: Ein Abglanz der Minute (oder war es eine halbe Stunde?) in den Räumen selbst. Vielleicht haften noch am deutlichsten die Geräusche im Gedächtnis und rufen die Farben, das Licht, einzelne Gegenstände wach: Eine gewisse Zeit an einem bestimmten Ort.

Die Arbeit, die ich gerade beschreibe ist eine von Sandra Topans Installationen. Sie benutzt verspiegelte Objekte, Licht, Farben, Geräusche, Klänge und den ganzen Raum selbst.

Ihre Arbeiten erfüllen sich nicht in einem Objekt und nicht in einem Bild, das mit ihrer Hilfe konstruiert wurde, sondern im Aufenthalt in diesen Räumen/Zeiten. Das umherschweifende Auge nimmt zuerst nur einzelne Bilder als Projektionen an der Wand wahr und das Ohr nimmt Geräusche und Klänge auf, in denen sie mit unterschiedlichen Aufnahme–techniken und der digitalen Manipulation experimentiert und die Sie selbst ‘wachsende Versuchs-anordnungen‘ nennt. Die verschiedenen Elemente bewegen sich zu einem Bild und haben so etwas wie eine umgekehrte Halbwertzeit, keine Zeitdauer des Verschwindens, sondern eine des Erscheinens, des Wirksamwerdens. Jeder dieser Räume scheint ein ganz eigenes Zeitmaß zu besitzen und eine bestimmte Aufenthaltsdauer zu fordern, bevor man seine Aktivität zu spüren beginnt. Manchmal überfällt einen die Zeit der Arbeit unvermittelt, ist einem gleichsam voraus und lässt keine Zeit zum Atemholen. Häufig jedoch sind es zwei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten, eine halbe Stunde – eine lange Zeit für die Betrachtung eines Bildes, ein Stück Lebenszeit?

Ihre Arbeiten liefern keine perfekte Verführung, sondern Hinweise zu einem Moment, den man selbst schaffen/erfahren muss. Auch die Erinnerungen, die in diesen Räumen wach gerufen werden, sind nicht Selbstzweck, sondern Bausteine in einem Unternehmen der Sensibilitäten, das man eine intuitive Anthropologie nennen kšnnte. Ein Interesse an Zwischenräumen, das sich auf Menschen und ihre Lebensumstände richtet, sie aber nicht beschreibt oder definiert, sondern den Blick besonders auf das lenkt, was noch kommen könnte.


30zig Minuten in zwei Räumen − eine Beobachtung von Eveline Bresinsky